zu Fahnenflucht und Kriegsdienstverweigerung


Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin!

(Sometime they’ll give a war and nobody will come.  Carl Sandburg, 1936)

Auf der Hauptwacht sitzt geschlossen
Des Gebirges schlanker Sohn,
Morgen frühe wird erschossen,
Der dreimal der Fahn' entflohn [….]


Anastasius Grün beschreibt so in einem Gedicht aus dem Jahr 1841 die letzten Stunden eines Deserteurs, der der Armee mehrmals den Dienst verweigert hatte und schließlich gefasst worden war.  In seinem 1952 erstmals veröffentlichten Buch "Die Kirschen der Freiheit" beschreibt Alfred Andersch die Gedanken, die seiner Desertion vorausgingen: „In jenem winzigen Bruchteil einer Sekunde, welcher der Sekunde der Entscheidung vorausgeht, verwirklicht sich die Möglichkeit der absoluten Freiheit, die der Mensch besitzt. Nicht im Moment der Tat selbst ist der Mensch frei, denn indem er sie vollzieht, stellt er die alte Spannung wieder her, in deren Strom seine Natur kreist. Aufgehoben wird sie nur in dem einen flüchtigen Atemhauch zwischen Denken und Wollen. Frei sind wir nur in Augenblicken. In Augenblicken, die kostbar sind. (...) Wie viele lebende Leichname gibt es, die – mag ihr Fleisch noch so blühen – gestorben sind, weil sie entweder die Angst oder den Mut, die Vernunft oder die Leidenschaft aus sich ausgerottet haben?“ . Das wohl bekannteste Gedicht zu Ehren des Deserteurs verdanken wir Boris Vian, der da singt: Monsieur le Président  //  je ne veux pas la faire,  //  je ne suis pas sur terre  //  pour tuer de pauvres gens!.

Bis heute gilt Fahnenflucht als ein sehr schweres militärisches Fehlverhalten. Und dennoch gibt es seit jeher und an allen Fronten Menschen die desertieren. Die Geschichtsbücher jedoch schweigen sich darüber aus. Desertion in Kriegszeiten hatte oft persönliche Auslöser, zum Beispiel aufgrund der schrecklichen Zustände an der Front oder weil zu Hause eine Familie zu versorgen war. Aber Desertion war auch schon immer eine Form von Widerstand, Widerstand gegen die Kriegslogik, gegen den militärischen Kadavergehorsam. Der Deserteur schändet nicht nur die Fahne der vaterländischen Armee, sondern die des Vaterlandes selbst. Der Staat räumt sich tatsächlich das Recht ein, seine Bürger als Soldaten einzuziehen und ihr Leben aufs Spiel zu setzen.
"Jetzt fallen Millionen Proletarier aller Zungen auf dem Felde der Schmach, des Brudermordes, der Selbstzerfleischung mit dem Sklavengesang auf den Lippen.", so Rosa Luxemburg in der Juniusbroschüre aus dem Jahr 1915. "Auf seinen objektiven historischen Sinn reduziert, ist der heutige Weltkrieg als Ganzes ein Konkurrenzkampf des bereits zur vollen Blüte entfalteten Kapitalismus um die Weltherrschaft, um die Ausbeutung der letzten Reste der nichtkapitalistischen Weltzonen." Diese Analyse hat leider nichts an Kraft eingebüßt. Denken wir einmal an Afghanistan, den Irak, an Libyen, Palästina...


Kriegsdienstverweigerung


Denkt man über Fahnenflucht nach, so stellt sich einem unweigerlich die Frage, warum überhaupt Krieg geführt wird. Während des Ersten Weltkrieges wurden viele antimilitaristische und pazifistische Stimmen laut. In Großbritannien gab es eine regelrechte Bewegung von “Gewissensverweigerern”. Arthur Gardiner, ein britischer Kriegsdienstverweigerer, erklärte vor Gericht, der Krieg würde gegen England geführt, und nicht gegen seine Person: “I don’t think my name has been brought up at all in the German Reichstag.” (Huddersfield Military Service Tribunal, 20. März 1916). 1917 gab es in Frankreich Meutereien aus Solidarität mit der Russischen Revolution. Denise De Weerdt untersuchte in ihrem Buch De vrouwen van de Eerste Wereldoorlog (Stichting Mens en Kultuur, Gent, 1993) Formen des durch Frauen "hinter der Front" geführten Widerstandes.

In Belgien gehört die Gewissensverweigerung einer anderen Zeit an. Sie wurde 1995 zusammen mit der Wehrpflicht abgeschafft. Am 24.03.1995 jedoch antwortete der damalige Innenminister Johan Vande Lanotte auf eine parlamentarische Anfrage, “dass Gewissenverweigerer in Kriegszeiten auf noch unbestimmte Weise in die Armee integriert werden, ohne allerdings Waffen tragen zu müssen.” Das Belgische Militärstrafgesetzbuch sieht in dem Gesetz vom 10. Juli 1996 noch stets schwere Strafen für Fahnenflucht in Friedenszeiten (Art. 46) und noch schwerere in Kriegszeiten (Art. 48) vor. Erst kürzlich, nämlich am 1. Juni 2011, anerkannte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Gewissensverweigerung als ein Menschenrecht. In Israel, der Türkei und in Russland zum Beispiel kann man sich nicht auf ein solches Recht berufen.

Deserteure sagen aus unterschiedlichen Gründen nein zu dem Mordtreiben: "Dies ist nicht mein Krieg!". Ihre Stimme darf in dem Trubel um '100 Jahre Erster Weltkrieg' nicht untergehen. Wir wollen ihr Aufmerksamkeit schenken, sie zu Gehör bringen und die Rehabilitierung aller Deserteure fordern, die sich vom Krieg abgekehrt haben. In Großbritannien, Deutschland, Frankreich und in den Niederlanden gab es bereits Initiativen zur Wiederherstellung der Ehre und Rehabilitierung von Deserteuren. Für die zehn belgischen Soldaten, die wegen “Verlassens des Postens in Feindesgegenwart” exekutiert wurden, gab es noch keinen einzigen Versuch, ihre Ehre wieder herzustellen. Weder Justizministerin Laurette Onckelinckx (8.8.2003) noch Verteidigungsminister André Flahaut (16.1.2007), beides Sozialisten, sahen dazu keinerlei Veranlassung.

Moderne Formen der Fahnenflucht


Desertion als Infragestellung von Militärlogik ist keine Erscheinung längst vergangener Zeiten. Sind Militärsteuerverweigerer nicht etwa moderne Deserteure? In Amerika ruft die Friedensbewegung lauthals Not in Our Name, wenn es um weltweite Militärinterventionen, illegale Haft und Razzien geht. Auch in Berufsarmeen und im so genannten sauberen Krieg mit Präzisionsbombardierungen und privatisierter Kriegsführung wird Fahnenflucht begangen. Bei Militäroperationen werden zudem häufig zivile Infrastrukturen genutzt. Anfang 2003 zog eine Armee durch Belgien. Amerikanisches Militärmaterial wurde zuhauf per Bahn, Binnenschiff und über Land zum Antwerpener Hafen transportiert, von wo aus es für die Invasion im Irak verschifft wurde. Wer zu diesem Zeitpunkt im Hafen oder für die Bahn arbeitete wurde unmittelbar am Krieg beteiligt. Keiner wurde gefragt, ob er dazu bereit war.

Daher dieses Projekt. Weil wir davon träumen, "dass Krieg ist und keiner hingeht”. Deserteure gaben und geben noch stets ein gutes Beispiel. Für Kriegstouristen und alle friedliebenden Bürger darf das Thema der Fahnenflucht beim Gedenken an den Ersten Weltkrieg nicht fehlen. Dieser Krieg, auch der Große Krieg genannt, war einzig und allein "groß" im Hinblick auf Wahnsinn und Vernichtung. Der Aufschrei der Deserteure hilft uns, dies nicht zu vergessen.

Konkret fordern wir die Wiederherstellung der Ehre der exekutierten sowie aller anderen Deserteure des Ersten Weltkrieges. Auch das Recht auf moderne Desertion sowie Militärsteuerverweigerung und Arbeitsverweigerung im Fall kriegsvorbereitender Maßnahmen liegt uns am Herzen.


Das Thema der Fahnenflucht soll in drei Teilen behandelt werden:

    Ein inhaltlicher Teil: Bedeutung von Fahnenflucht und Kriegsdienstverweigerung in Vergangenheit und Gegenwart anhand von Artikeln, Lesungen, einer Ausstellung, Seminaren,… Die Friedensbewegung Vrede vzw trägt diesen Teil.

    Ein musikalischer Teil: alte Lieder und neue Kompositionen und Arrangements werden im Rahmen eines nationalen und internationalen Chorprojektes vorgestellt

    Ein künstlerischer Teil: Bildende Künstler und Videoartisten beschäftigen sich mit dem Thema an. Vielleicht entsteht so ein 'Denkmal für den unbekannten Deserteur'. Belgien hat ein solches Denkmal verdient. Künstlerische Initiativen aller Art rund um dieses 'Denkmal' sind darüber hinaus willkommen.



Das Projekt läuft über ein Jahr vom Internationalen Friedenstag am 21.09.2014 bis etwa zum Internationalen Friedenstag am 20.09.2015. Das Projekt wird durch eine Internetseite (www.desertie.be) unterstützt, wo unter anderem jede Woche ein historischer, künstlerischer oder journalistischer Text zum Thema zu lesen ist.